Festival and Internationale Akademie für Neue Komposition and Audio-Art

13. – 17 Dezember 2014

avantgarde tirol - new music on a high level

WICHTIGE ESSAYS



Gottfried F. Kasparek

„Es macht Spaß, zu komponieren!”
Gottfried F. Kasparek
im Gespräch mit Bogus³aw Schaeffer

Herr Prof. Schaeffer, Sie blicken auf 60 Jahre kompositorischen Schaffens zurück. Auf viele Aufführungen in der ganzen Welt in über 250 Städten und dementsprechend über 550 Werke, die, wenn man sie approximativ in reine Zeitdauer umsetzt, weit über 160 Stunden in Anspruch nehmen würden. Noch dazu gibt es viele Ihrer Stücke in 5 bis 12 Versionen, etwa „Proietto” oder „Heraklitiana”. Warum haben Sie so viel komponiert?

Weil es möglich war; weil ich mir für das Komponieren die beste Zeit genommen habe; weil die neuen Möglichkeiten in der Musik es erlauben und sogar dazu inspirieren. Weil ich es mag, diese Musik zu schreiben. Dazu kommt, dass ich mich ungern von geschriebenen Werken trenne und weiter schreibe, deshalb sind viele Stücke länger als geplant. Und: weil man dadurch viel lernt! Ein richtiger Kompositionslehrer muss selbst viel lernen und sozusagen gelehrt sein. Außerdem: es macht Spaß, zu komponieren!

Wenn ich mir Ihre Partituren anschaue, dann kommt mir in den Sinn, dass Sie sehr viele Noten auf eine Seite schreiben, manchmal sind es über 800. Woher nehmen Sie die Kraft und den Mut, so viele Noten zu komponieren? Muss die Neue Musik so kompliziert sein?

In meinem Fall schon. Musik mit wenigen Noten hat keine Geheimnisse und ist arm. Sie veraltet auch schnell. Sie ist leicht aufzuführen und leicht zu vergessen. Ich mag es, so zu komponieren, dass man die Musik nicht leicht verstehen und reproduzieren kann. Meine Musik muss eigenständig sein. Bei den Aufführungen erscheint sie nicht komplex, weil die einzelnen Stimmen leicht spielbar sind und doch dazu beitragen können, dass das Gesamte den Eindruck einer großen Komplexität macht.

Das ist ja etwas, was auch Musik Bachs, der Wiener Klassiker und anderer großer Komponisten der Vergangenheit betrifft. Hat sich ihr Verhältnis zur Neuen Musik in den letzten 60 Jahren, die Sie als Komponist durchlebt haben, viel oder wenig geändert? Ist die so genannte Neue Musik für Sie nach so vielen Jahren dieselbe geblieben?

Auf keinen Fall. Sie hat sich geändert. Kompositionen, die gleich nach dem Krieg mir und vielen anderen gefallen haben, sind nicht mehr so beliebt, geschweige denn – interessant. Hindemith, Strawinsky, Dallapiccola, Bartók klingen heute altmodisch und verbraucht. Natürlich hat jeder von ihnen seine unsterblichen Werke hinterlassen, aber sie glänzen nicht mehr so wie in den frühen Nachkriegsjahren. Ich staune aber, dass zum Beispiel die Lyrische Suite von Alban Berg nach allen vergangenen Jahrzehnten immer noch so interessant klingt.

Wie soll denn Ihrer Meinung nach Neue Musik sein, dass sie auch nach Jahren noch gut und neuartig klingt, Musik, bei der man weiß, dass es für sie auch Chancen gibt, in der Zukunft bewundert und geschätzt zu werden, wie zum Beispiel Schubert oder Berg?

Alles kann man in einem kurzen Interview nicht erläutern, man kann aber die grundsätzlichen Bedingungen aufstellen. Eine neue Komposition soll – oder sogar: muss folgende Qualitäten aufweisen: sie muss in mehreren Hinsichten neue Formen und Fakturen, das große Talent des Komponisten und eine vollkommene Beherrschung des jeweiligen Materials zeigen; sie muss sich gegen die vergangene Musik bewähren können. Dann muss sie als neue Kunst und nicht etwa als dumme Opposition auftreten, wie das oft bei neuer Literatur oder Malerei der Fall ist. Der Komponist muss viel lernen und womöglich auch viel komponieren. Die meisten kompositorischen Begabungen reichen für drei bis fünf Stücke – ohne dass der Komponist es erfährt ... Die neuen Möglichkeiten soll man unbedingt kennen lernen und weitere selbst erfinden.

Warum war- und ist – für Sie das Unterrichten junger Komponisten so wichtig? Die meisten Komponisten halten sich da heraus. Eine fragliche und suspekte Ausnahme bilden hier die, welche aus Not Komposition unterrichten, um einfach etwas Geld zu verdienen...

Ja, da haben Sie recht. Es kommt oft vor, dass sie dann auch meckern. Von einem angesehenen Lehrer habe ich gehört, dass der arme „reiche” Mensch sich keine Konkurrenz wünscht. So was gibt es auch.

Arnold Schönberg hat behauptet, dass er von seinen Schülern viel gelernt hat. Können Sie dem in Ihrem Fall zustimmen? Was kann man von einem Schüler lernen, der in vielen Bereichen ein Anfänger ist?

Sehr wenig, meistens nichts. Oder ein bisschen von der Fehlern, die er oder sie macht.

Jeder Pädagoge hat Probleme. Welche sind die Ihrigen?

Dass es zu wenig Zeit gibt, um so Vieles, das man zum Komponieren braucht, dem Adepten zu übergeben. Ich habe eine Aufstellung der Probleme, Fragen und Erläuterungen gemacht, sie gehen auf über zweitausend. Zum Beispiel hatten sogar Wagner, Brahms und viele andere keine Ahnung, dass etwa für die Harfe nicht alles – oder gar sehr wenig – möglich ist, was sie geschrieben haben; dafür gibt es Beweise. Beide und viele andere schreiben für die Harfe so, als wäre sie ein Klavier. Allein für die Harfe müsste man in einem Kompositionslehrgang 15 bis 18 Stunden verwenden! Das andere Problem ist, dass man jemandem fünf Jahre Einzelunterricht gibt, der dann so leicht auf das Komponieren verzichtet. Das tut mir wirklich leid.

Welche Ratschläge würden Sie den Kompositionsschülern geben?

Der Reihe nach: komponiere womöglich viel, dann wirst Du alles über Dich selbst wissen – was Du tun sollst, was Dir gefällt, wofür Du sozusagen geboren oder wenigstens geeignet bist. Schreibe viel und vielseitig, am besten mehrere Kompositionen gleichzeitig und zeige sie niemandem außer dem Lehrer. Nur wenn Du schon viel geschrieben hast und Dir Deiner Richtung bewusst bist, kannst Du öffentlich auftreten. Angehende Literaten und Maler haben es schwer; Komponisten dagegen haben ziemlich viele Wettbewerbe, um sich zu erproben. Die Teilnahme an denen ist für Dich wichtig, kann es jedenfalls sein.

Worin besteht der Unterschied im Kompositions-Lehrgang im Verhältnis zu den heute sicher veralteten Methoden, die bis in die 40er-Jahre des 20. Jahrhunderts allgemein üblich waren und die auch Sie in Ihrer Jugend genossen haben?

Man konnte diese alte Form des Unterrichts sicher nicht genießen, weil er mit Neuer Musik nichts zu tun hatte. Der alte Lehrgang hätte schon damals getauscht gehört, aber es ging nirgends so leicht. Eigentlich blieb man damals Autodidakt, man musste sich selbst lehren, nicht nur wie man die Zwölftontechnik verwenden kann, wie man rhythmisch vorgehen oder die Form gestalten kann oder wie man neue Klangkombinationen herstellen kann. Zehn Jahre später habe ich selber Komposition unterrichtet; andere Fächer überließ ich immer anderen Lehrern. Weitere zehn Jahre später habe ich die „Introduction to Composition” herausgegeben, ein großes Kompendium mit vielen Vorschlägen, Beispielen und Aufgaben. Es gibt außer meinem Werk seit einem Jahrhundert keines, welches so ausführlich wäre. An diesem Buch habe ich acht Jahre lang gearbeitet. Damit will ich nur die Breite der möglichen Probleme und Lösungen unterstreichen.

Binnen einer guten Woche soll ein junger Komponist ein kammermusikalisches Werk schreiben. Nicht jeder gleicht Mozart, der in kurzer Zeit ein fertiges Werk herstellen konnte. Manche Menschen sind langsamer und brauchen mehr Zeit, um sich etwas Interessantes auszudenken, dazu noch für vorgegebene Instrumente. Was tun Sie dann?

Dann erlaube ich ihm oder ihr, ein kürzeres Werk zu schreiben, oder für weniger Instrumente. Es muss nicht in jedem Fall ein Quartett sein. Neben dem Quartett haben wir noch ein Duo oder ein Trio, umso besser. Ich muss auch über das gesamte Programm denken. Also sollen es verschiedene Werke sein, nicht lauter Quartette. Es gäbe zum Beispiel die Möglichkeit, vier verschieden besetzte Trios zu schreiben.

Herr Prof. Schaeffer, vielen Dank für das erhellende Gespräch. Ich wünsche Ihnen eine schöne, erlebnis – und erfolgreiche Akademie 2007 – und uns noch viele Werke aus Ihrer Feder!





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