Festival and Internationale Akademie für Neue Komposition and Audio-Art

13. – 17 Dezember 2014

avantgarde tirol - new music on a high level

WICHTIGE ESSAYS



Marianne Penz-van Stappershoef

MARTHA MURPHY
UND DAS VEGANE FAMILIENGRAB AUF DEM FRIEDHOF SANKT MARTIN

Martha Murphy. Wer kannte sie nicht?
Martha Murphy: ein Begriff in der Silberstadt!

Martha fuhr einen roten VW-Käfer.
Martha schaute nicht rechts und nicht links beim Autofahren.
Sie saß immer hochkonzentriert am Lenkrad.
Ihr Käfer hatte eine alte Autonummerntafel, denn er stammte noch aus dem Jahre 1986, dem Jahr als das Atomkraftwerk Tschernobil explodierte. Meistens war Martha mit ihrem roten VW auf der Bundesstraße unterwegs zu einem großen Supermarkt in Schwaz-Ost, wo sie das Futter für Ihre große Katzenfamilie ein zu kaufen pflegte. Beim Einkaufen traf ich Martha öfters unerwartet: Sie erzählte dann spontan das Neueste über das Kind, über die Kunst und über die Katzen. Martha hatte keine leise Stimme, im Gegenteil: Martha sprach mit einem lauten Organ. Einmal hörte ich Martha sogar – noch bevor ich sie gesehen hatte – über ein Paar Interspar-Regale drüber rufen: „Du Marianne, ich habe gestern meinen Obolus verrichtet für 3 finanzschwache Vereine ... für das Frauenhaus, für die 4 Pfoten und für deine avantgarde”!

Martha hatte eine sehr bildhafte Sprache.
Martha hatte auch eine expressive Körpersprache.
Martha war nicht omni- aber, dort wo sie gerade war, immer sehr präsent.

Zur Zeit, als meine Familie noch in der Wopfnerstraße in Schwaz wohnte, kam Martha öfters bei uns auf einen Kaffee vorbei.
Coffee To Go war damals noch nicht erfunden; es gab (und gibt) bei uns ausschließlich Coffee To Sit beim Ratsch und Tratsch.

Martha erzählte von jenem Frühling, als ihr Vater gemeint habe, man könne das Familiengrab in diesem Jahr bunter und vor allem kostengünstiger gestalten. Marthas Vater entschloss sich, die Erde des Grabes gut zu lockern und anschließend bunte Blumen zu säen. Ein paar Sackerln Samen waren schnell gekauft und die Arbeit am Friedhof nicht weniger schnell erledigt.

Ein paar Wochen später wurde Marthas Vater neugierig und ging auf den Friedhof, um zu sehen, wie es wohl um die bunten Blumen auf dem Familiengrab bestellt sei. Vater Murphy staunte nicht schlecht als er sich dem Familiengrab näherte... keine Spur von bunten Blumen, statt dessen ein Grab voller Vogerl-SALAT!
Als die Martha das erzählte hat sie selbst so herzlich und so laut gelacht. Ich fand ihr Lachen noch köstlicher als die Geschichte selbst.

Ja Martha, im Sommer 2013, kam ich, nach 16-monatigem Krankenhausaufenthalt, wieder nach Hause. Die Nachricht von Deinem Tode konnte ich fast nicht fassen. Irgendwie habe ich wahrscheinlich geglaubt, Du bist so wie Dein roter Käfer, der fährt und fährt und fährt und fährt ...
Als ich die Nachricht Deines Todes mehr oder weniger verdaut hatte, habe ich mich sofort an Dein Lachen über Euer veganes Familiengrab erinnert.

So bald es wieder Frühling ist und Du Deine letzte Ruhestätte endgültig gefunden hast, werde ich Dich einmal besuchen. Ich werde es mir dann sicher nicht verkneifen können, ein Bouquet aus knackigen Salatblättern auf Dein Grab zu legen!

Marianne Penz-van Stappershoef





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