Festival and Internationale Akademie für Neue Komposition and Audio-Art

13. – 17 Dezember 2014

avantgarde tirol - new music on a high level

WICHTIGE ESSAYS



Manfred Scheuer, Bischof von Innsbruck

Manfred Scheuer, Bischof von Innsbruck
Missa Elettronica, 16. August 2009

Es war lange Zeit so, dass Moderne eine Entwicklung weg von der Religion war und modern mit Spiritualität nicht viel zu tun hatte. Das betraf die Wissenschaften, allen voran die Naturwissenschaft, die Technik, darunter auch die Elektronik. Die Natur trägt nicht mehr die "vestigia Dei", sondern die "vestigia hominis". Der Mensch gilt als "maitre et possesseur de la nature", als Herr der Geschichte. Wer sich für aufgeklärt und gebildet hielt, gehörte zu den Verächtern der Religion.
Diese Entfremdung der Moderne von der Spiritualität betrifft gerade auch die menschliche Freiheit und das Verhältnis von Himmel und Erde, von Gott und Mensch. Wurde Gott zu einem despotischen und unberechenbaren Willkürherrscher, den der Mensch nur absetzen kann, so überließ man den Himmel lieber den Spatzen, von denen man meinte, sie hätten die besseren Flügel. Der Himmel ist vielleicht noch eine Illusion, Religion Opium für das Volk. Spiritualität schadet dem Menschen, seiner Treue zur Erde, seiner Verantwortung für andere und seiner Arbeit.
Das betraf auch die Kunst, die Musik und die Architektur. Religiöse Musik galt als in die Vergangenheit gerichtet, schien mit der Gegenwart nichts zu tun zu haben. Und auch bei den Kirchbauten war es so. Als richtige Kirche galt eine aus dem Mittelalter, vielleicht noch aus der Barockzeit.
Das betraf einfache Lebenseinstellungen: Wer sich als religiös bekannte, galt als reaktionär, konservativ, hinterwälderisch, ungebildet. Schließlich kann man nicht an die Wunder Jesu in der Bibel glauben und zugleich die Steckdose für den Stromgebrauch benutzen. Das führt auf Dauer zu einer Schizophrenie, zu einem gespaltenen Bewusstsein.
Von Raffael gibt es aus dem 16. Jh. ein Gemälde: "Die heilige Cäcilia". Die Heilige, sie galt schon damals als Patronin der Kirchenmusik, ist wie erstarrt und schaut gen Himmel, wo die Engel herumtoben, auf der Erde sehen wir verlassene und hingeworfene Instrumente liegen. Himmel und Erde sind nicht mehr, wie bei einem anderen Werk von Raffael über die Eucharistie miteinander verbunden, sie treten ganz auseinander. Auf der Erde lässt sich nicht mehr himmlische Musik spielen. Und denen im Himmel sind die Nöte, die Ängste der Welt ziemlich wurscht.
Dieses Gemälde hat Buguslaw Schaeffer zur Komposition der "Missa elettronica" angeregt. Schaeffer komponierte eine elektronische Messe, Musik, die die Welten verbindet - die archaische der alten Musik und die neue der elektronischen Musik. Zwei verschiedene Welten werden verbunden, zwei voneinander weit entfernte Musikepochen zu einem Ganzen verbunden - Chormusik und elektronische Musik. Die elektronische Musik kennt keine Harmonie. Die Klänge wandern durch den Raum, die aus den ganz oben angebrachten Lautsprechern kamen und die Illusion der Übermacht und der bösen Mächte erzeugte. Chorteile werden immer komplizierter, elektronische Teile werden immer einfacher. Elektronische und Chorfragmente wechseln ab, nur beim Sanctus fällt die Chorpartie mit dem Endfragment der Musik vom Tonband zusammen. Liturgie: es siegt das liturgische Wort.
In der Liturgie und besonders, die sich der unverwechselbaren, einmaligen Gestalt Jesu und der Glaubenstradition seines Volkes verdankt, wird der Mensch in all seinen Dimensionen ernst genommen, auch und gerade in denen der Sehnsucht aus dem Widerfahrnis des Leidens. Das letzte Abendmahl ist ein Abschiedsmahl im Angesicht des Todes, in allen Einsetzungsberichten ist vom Verrat die Rede. Aber bei aller Massivität und Brutalität sind Leiden und Tod nicht ausweglos. Die Eucharistie verbindet Himmel und Erde, bringt Gott und Mensch zusammen, überwindet den Gegensatz zwischen Wort und Fleisch, verwandelt Leiden in Vollendung, ist Feier von Tod und Auferstehung.
Die Feier der Messe vermittelt einen Zugang zu Jesus, dem Heilbringer (sotär), nicht über die Vergeistigung oder gar Rationalisierung, sondern über die möglichst ganzheitliche Präsentation seiner Gestalt.
Es bleibt die Frage bei der Liturgie und bei der Musik, bei der Kunst: ist das nur schöner Schein? Wird da nur etwas vorgespielt, vorgegaukelt? Nach Emmanuel Levinas wird Kunst nur dann nicht zur Vortäuschung falscher Tatsachen oder gar zur idolischen Verführung, wenn sie die Sache eines Anderen vertritt. Paul Celan hat seine Lyrik nach Auschwitz so verstanden, dass sie von der Sache eines Anderen, vielleicht sogar von der eines ganz Anderen berührt ist.1
Die Messe hat nach ihrem Selbstverständnis die Sache eines Anderen, hier die Sache Jesu von Nazareth, im Auge. Sie zielt nicht auf irgendein Woraufhin oder auf Befriedigung von Bedürfnissen. Nach allem, was wir von Jesus wissen, hat er die Menschen seiner Zeit nicht mit leeren Versprechen oder mit illusionären Bedürfnisbefriedigungen vertröstet. Wer zuerst Reich Gottes suche, meinte er, dem werde alles andere dazugegeben (vgl. Mt 6,33). Eine eigenartige Verflechtung von Suche nach absoluter Transzendenz und von welthafter Verantwortung gehört zum Programm Jesu. Nicht sollte ausgeblendet werden, schon gar nicht das Leiden, der Hunger, die Tränen, auch nicht das Grauen des Todes und die Gottverlassenheit. Dies hat sich offensichtlich auch auf die liturgische und alltägliche Praxis der ersten Gemeinden ausgewirkt. Schon Paulus lässt gegenüber der Gemeinde von Korinth keinen Zweifel daran, dass der Glaube an die Auferstehung Jesu in der Feier des Herrenmahles nicht zur Verachtung der minderen Schichten führen darf (vgl. 1 Kor 11,18-34). Durch magische Praktiken können soziale Spannungen ohnehin nicht behoben werden.
"Das sind wie zwei Flöten mit verschiedenem Ton, aber der eine Geist bläst in beide, einer erfüllt sie beide, und sie ergeben keinen Missklang zusammen."2 In der Liturgie spielen zwei Flöten: die Flöte des Leidens und des Todes, sowie die Flöte der Hoffnung und Sehnsucht nach Auferstehung und Vollendung. Würde in der Liturgie nur die Melodie der himmlischen Vollendung gespielt, so würden die realen Leiden ignoriert und unverwandelt bleiben. Wäre nur das Lied vom Tod zu hören, würden sich Nekrophilie und Resignation breit machen. In der Musik spiegelt sich die ganze Bandbreite des Lebens, Melodien loten die Höhen und Tiefen, die Sternstunden und die Abgründe aus.
"Zu Zeiten sind wir Dachbewohner und pfeifen von allen Dächern. In anderen Zeiten leben wir in Kellern und singen, um uns Mut zu machen und die Furcht im Dunkel zu überwinden. Wir brauchen Musik. Das Gespenst ist die lautlose Welt." (Ingeborg Bachmann)



1 Paul Celan, Der Meridian, in: GW 3, 187-202, hier 196; Emmanuel Levinas, Vom Sein zum Anderen, in: Ders., Eigennamen, München- Wien 1988, 56-66, hier 58f.
2 "Illae sunt duae tibiae quasi diverse sonantes; sed unus Spiritus ambas inflat. Uno Spiritu implentur ambae tibiae, non dissonanr:" (Augustinus, In Epistolam Joannis tractactus 9,9, in: Opera omnia (ed. Parisina altera, emendata et aucta), Paris 1836, Tomus III/2, 2577).


16. August 2009

© Manfred Scheuer 2009
Predigt während der Missa Elettronica im Dom zu Sankt Jakob, Innsbruck





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